Kennzahlen Jugendberatung


Datum
17. August 2026

Schlagwörter
Hilfesystem   Jugend   Kinder  

Vor ein paar Jahren habe ich aus Interesse begonnen, die öffentlich zugänglichen Kennzahlen von Jugendberatungsstellen zusammenzutragen. Seither aktualisiere ich diese Zahlen regelmässig und lese dabei auch die jeweiligen Jahresberichte.

Eine Beobachtung finde ich besonders spannend: In vielen Jahresberichten ist von steigenden Fallzahlen, mehr Beratungen oder einer zunehmenden Belastung die Rede. Betrachtet man die Kennzahlen jedoch über einen längeren Zeitraum, relativiert sich diese Zunahme.

Nun könnte man sagen: Dann stimmt eben nicht, was in den Berichten steht. Doch so einfach ist es nicht.

Viele Beratungsstellen arbeiten mit einem weitgehend fixen Budget und einem klar begrenzten Personalschlüssel. Ein starkes Wachstum bei den Fallzahlen oder Beratungsstunden ist unter diesen Bedingungen gar nicht möglich. Irgendwann ist die vorhandene Kapazität schlicht ausgeschöpft. Warum entsteht bei Fachpersonen trotzdem so oft das Gefühl einer deutlichen Zunahme?

Ich erinnere mich an meine Zeit in der Stadt Uster. Auch dort hörte ich bei gewissen Angeboten immer wieder von einer Zunahme, obwohl die Fallzahlen über die Jahre faktisch relativ konstant waren. Das Gefühl einer stärkeren Belastung war trotzdem real. Denn hinter einer konstanten Fallzahl können heute komplexere Situationen stehen: mehrere Problemlagen gleichzeitig, ein komplexeres Hilfesystem mit deutlich mehr Beteiligten und höhere Erwartungen an die Wirkung der Hilfe. Nicht selten bleibt bei den Helfenden auch ein Gefühl der Ohnmacht zurück, weil gute Unterstützung nicht automatisch bedeutet, dass sich eine schwierige Situation schnell lösen lässt.

Ich glaube deshalb, dass wir Fachpersonen sorgfältig damit umgehen sollten, wie wir die Bedeutung unserer Angebote begründen. Dass es diese Angebote braucht, ist für mich unbestritten. Aber vielleicht braucht es sie nicht in erster Linie deshalb, weil sich die Probleme von Kindern und Jugendlichen ständig dramatisch zuspitzen, sondern weil Kindheit und Jugend schon immer verletzliche Lebensphasen waren.

Folgende grobe Grössenordnungen verdeutlichen das: Rund ein viertel der Kinder und Jugendlichen sind von psychischen Problemen oder Belastungen betroffen. Jedes fünfte Kind in der Schweiz wächst unter Bedingungen von Armut oder Armutsgefährdung auf. Der Anteil von sogenannt verhaltensauffälligen Kindern wird seit längerem konstant auf 20% geschätzt. Auch wenn es zwischen diesen Problemfeldern Überschneidungen gibt, sind es auch ohne Zunahme schlicht sehr viele Kinder und Jugendliche, die zeitweise oder dauerhaft auf besondere Förderung, Beratung oder Unterstützung angewiesen sind. Und unsere Welt ist sicher nicht einfacher geworden.

Vielleicht sollten wir deshalb weniger darüber sprechen, dass «alles immer schlimmer wird», und stärker anerkennen, dass es (leider) normal ist, dass Kinder und Jugendliche Unterstützung brauchen. Das ist nicht erst heute so, sondern war es eigentlich schon immer.