Die Pandemie und was sie mit uns macht.

Es herrscht Pandemie. Das kleine Virus, das gerade mal 100 Nanometer gross ist, können wir im Alltag nicht sehen. Die Gefahr wirkt abstrakt, die Risiken lassen sich am besten in Statistiken und Wahrscheinlichkeitsrechnungen packen. Ebenso die Auswirkungen der Pandemie auf Wirtschaft und Gesellschaft.

Wir bewältigen die Krise mittels Rationalisierung, sie hilft uns handlungsfähig zu bleiben, sie gibt uns Orientierung und Struktur. Sie hilft uns die richtigen Entscheidungen zu treffen. Täglich schauen wir auf die Kurve, gleichen diese mit unserem eigenen Verhalten ab und haben das Gefühl, die Entwicklung besser zu verstehen.

Logik und Verstand sind das eine. Menschen aber sind emotionale Wesen, sie sind in ihrem innersten verletzlich, sie lassen sich kränken, sich verängstigen und werden auch mal zornig. So gehören zur Erzählung der Pandemie auch gekränkte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die sich zu wenig einbezogen fühlen. Oder Politiker und Politikerinnen, welche weitreichende Entscheidungen auf Grundlage “eines Gefühls” denn auf Basis reiner Fakten treffen mussten. Andere Menschen wiederum haben eine grosse Wut auf “die” Entscheidungsträger und suchen Halt in Verschwörungstheorien.

Der gesellschaftliche Umgang mit der Pandemie spielt im Spannungsfeld von Schutz der Gesundheit und Schutz der Wirtschaft. Wir können von Glück sprechen, dass bei uns nicht auch der Schutz von Demokratie und Freiheit in der Waagschale liegen, wie dies beispielsweise in Ungarn und anderen Staaten der Fall ist.

Während in nüchtern-rationalem Ton Einschränkungen des öffentlichen Lebens sowie Unterstützungsmassnahmen der Wirtschaft gefordert werden, bekommt man fast den Eindruck, dass die Lage unter Kontrolle ist und kein Grund zur Sorge besteht, wenn wir uns nur an die Massnahmen halten.

Es ist jedoch eine trügerische Ruhe, tausende Menschen sind in ihrer wirtschaftlichen Existenz bedroht. Beispielsweise die private Putzhilfe, die in Quarantäne muss und in Folge die Kündigung erhält oder eine temporär Beschäftigte, die keine Stelle mehr findet. Es sind vorwiegend Menschen mit geringem Einkommen, die betroffen sind und sich grosse Sorge machen müssen.

Für Menschen ohne schweizerischer Staatsbürgerschaft kann eine solche Situation weitreichende Konsequenzen haben. Mit dem erst kürzlich revidierten Ausländer- und Integrationsgesetz können Niederlassungs- wie auch Aufenthaltsbewilligung in Folge von Sozialhilfebezug entzogen werden. Und gerade Menschen aus prekären Beschäftigungsverhältnisse sind im Falle von Arbeitslosigkeit schlechter versichert und daher auch schneller von Sozialhilfe abhängig.

Zurecht forderte die SKOS (Schweizerische Konferenz für Sozialhilfe) schon im Mai 2020, dass in dieser Pandemie auf die Rückstufung und den Entzug von Niederlassungs- und Aufenthaltsbewilligungen verzichtet wird. Ob die Kantone dies tatsächlich so handhaben und wie lange sie eine solche Schonung garantieren ist unklar.

Auch andere Personengruppen sind betroffen: so zeigte sich schon bei den Lehrabgängerinnen und Lehrabgänger im Sommer, dass signifikant weniger direkt nach Abschluss eine Stelle fanden. Wenn man bedenkt, dass dies bei einigen zu langfristig schlechteren Voraussetzungen auf dem Arbeitsmarkt führen wird, zeigt sich der Ernst der Lage.

Viele Firmen haben unterdessen die Möglichkeit für Schnupperlehren eingestellt. Gerade diejenigen Jugendlichen, die keine Bestnoten in den Zeugnissen vorweisen können, haben dadurch weniger Möglichkeit ihr Potential aufzuzeigen und eine Lehrstelle zu finden. Wie bei den Lehrabgängerinnen und Lehrabgänger werden auch im Berufswahlprozess vor allem diejenigen langfristig benachteiligt sein, die auch sonst wenig Ressourcen haben.

Dies sind nur einige Beispiele für die Auswirkungen dieser ausserordentlichen Situation. Es ist nicht zu vergessen, dass wir in der Schweiz ökonomisch mit deutlich geringeren Verwerfungen zu rechnen haben. Was sich bei uns zeigt wird in anderen Ländern noch schlimmer sein.

Da ist die teilweise zur Schau gestellte emotionale Kälte, mit der Massnahmen gefordert und umgesetzt werden, erschreckend. Rationales und faktenbasiertes Handeln sind bei der Bewältigung der Pandemie wichtig. Es darf aber nicht der Anspruch entstehen, dass die Gesellschaft wie eine Maschine zu funktionieren hat.

Diese Pandemie fordert uns alle. Die Todesopfer und die Folgen für Arbeitslose und die Schwächsten der Gesellschaft sollten uns berühren, sie sollten uns traurig und wütend machen. Die emotionale Gleichgültigkeit mit der dies alles hingenommen wird ist eine Tragödie. Ja, wir sind ohnmächtig und hilflos, doch gefühllos müssen wir nicht sein.

Dieser Artikel erschien erstmals Ende November 2020 in leicht angepasster Fassung im Info.